Zur Malerei von Anita Blagoi
Das Medium der Malerei steht nach wie vor unter Rechtfertigungszwang. Ist sie noch zeitgemäß? Kann das gemalte Bild eine Bedeutung haben, die über es hinausweist? Ist Malerei fern von einem Motiv nicht nur noch Dekoration?
Anita Blagoi ist eine im besten Sinne traditionelle Malerin, deren Ziel das in sich abgeschlossene Bild ist. Der Werkgedanke, der für sie grundlegend ist, entstammt einem ungebrochenen Glauben an das Bild, an seine Berechtigung.

Zur Arbeitsweise – die „Ahnung des Gegenständlichen“

Anita Blagoi beginnt zunächst meist mit einem gegenständlichen Motiv, das im Laufe der ersten Schritte mit gegenstandslosen Flächen und Formen kombiniert wird. Das Gegenein-anderstellen unterschiedlicher Bildsprachen ist jedoch nicht Ziel, sondern ein Zwischen-schritt. Für ihre Arbeitsweise ist es maßgeblich, dass das Bild mehrere Schritte durchläuft. Es ist ein Prozess, dem sich Anita Blagoi stellt. Das Bild entsteht ohne klare Zielsetzung, sondern in Konfrontation zwischen dem, was auf der Leinwand entstanden ist und dem Akteur vor der Leinwand. Die Malerei wird zum Findungsprozess.
Das gegenständliche Element ist meist Anlass, kann aber im Laufe des Malens verschwinden, bzw. sich auflösen. Es bleibt jedoch spürbar, quasi als eine Ahnung im Bild. Denn die angeblich abstrakten Formen, die nur scheinbar ungegenständliche Formensprache, die auf vielen Bildern zu beobachten ist, verdanken ihre Herkunft diesem Anlass. Es wird nicht die Wirkung von Farbe an sich untersucht, es ist auch keine „reine Malerei“, wie man sie aus der Kunst der 60er oder 70er Jahre kennt und es ist erst recht keine gestische Malerei. Die Gegenstände werden auch nicht zur Entwicklung einer abstrakten Formensprache gebraucht. Insofern liegt das Interesse nicht daran, eine Malerei zwischen „Figuration“ und „Abstraktion“ zu entwickeln. Es liegt ihrer Kunst keine ideologische Überzeugung zugrunde. Ihre Bilder entstehen. Es liegt ihnen eine Fülle von Entscheidungen zugrunde, die aber weitestgehend intuitiv getroffen werden. Was ist angesichts des Erreichten notwendig? Welcher Schritt ist in der jeweiligen Situation der Richtige? Und so kommt es zu Ergebnissen, die den Betrachter aufmerken lassen.
Da ist in dem Bild eine rote Fläche, oben scharfkantig, fast keilförmig und Format füllend ins Bild gesetzt, an seiner rechten Begrenzung (von Kontur zu sprechen wäre missverständlich) nach unten hin „angefressen“ unregelmäßig, zum Teil in den Hintergrund übergehend. Nicht nur, dass es in diesem Bild räumliche Bezüge gibt, sondern auch die Malerei macht die angeblich ungegenständliche Fläche zu etwas „Wesenhaften“. Denn auch das Rot ist im Grunde nicht wirkliches Rot, nicht tatsächlich leuchtend, wie es auf den ersten Blick scheint. Es ist vielmehr eine Fläche, die über anderes lasiert wurde. Sie wirkt daher seltsam unkonkret, doch dafür beinahe schon dinglich, als etwas, das seine Herkunft einem Darunter Liegendem verdankt. Dieses Darunter Liegende könnte ein verschwundenes Motiv sein, wenn auch von diesem nur noch eine, angeblich für sich sprechende Fläche übrig geblieben ist.
Angesichts Ihrer Arbeiten denke ich weniger an eine Systematik, denn der Begriff wäre miss-verständlich, weil er einen vom Bild entfernten Standpunkt implizieren würde, den Anita Blagoi während der Arbeit eben größtenteils nicht einnimmt. Näher läge der unscharfe Kandinskysche Begriff der „inneren Notwendigkeit“.
Wenn Anita Blagoi von ihrem Ziel der Malerei spricht, dann fällt der Satz „es muss alles passen!“. Das Bild als abgeschlossene Einheit bleibt also Ziel, aber – wie gesagt – ohne dass dieses Ziel zu Beginn festläge. Ein weiterer Aspekt ihres Vorgehens ist die Entdeckungen und Fragestellungen, die sich durch den jeweiligen Arbeitsprozess ergeben und Anlass zu neuen Bildern werden. Es ist kein motivischer Zusammenhang, der ihre Bilder verbindet, kein serieller Gedanke. Man könnte eher davon sprechen, dass sich Bild um Bild fügt, eine Arbeit sich aus der anderen ergibt. Die Arbeiten, wenngleich sie als Einzelarbeiten auftreten und so gemeint sind, entspringen einem stetigen Interesse. Es gibt keine formalen Sprünge, sondern es kommt eher zu Neuformulierungen, Neubearbeitungen bildnerischer Probleme, die ihr im Laufe der Arbeiten bewusst werden, bzw. ihr Interesse wecken.

Uneindeutigkeit
Konkret ist keines der Motive, auch wenn sie zu erkennen sind, konkret oder eindeutig ist keine Fläche oder Form, auch wenn sie entschieden ist. Der Betrachter ist gezwungen, sich ein eigenes Bild vom Bild zu machen, ist aufgefordert, für sich die Bedeutung zu entdecken. Für mich strahlen diese Bilder eine große Ruhe, sowie eine Unbedingtheit aus. Selbst wenn ich in ihnen etwas hineinlese, so ist es immer meine Geschichte, die ich hineinlese. Die Bestimmtheit, die ihnen zugrunde liegt, führt zu einer großen Präsenz. Es handelt sich um Bilder, die auf mich fast meditativ wirken. Die Uneindeutigkeit, das nicht zu Dechiffrierende besitzt etwas Religiöses. Das Bild ist nur das Bild. Darin liegt ein großer Ernst und ein enormes Pathos.

Christoph Klein

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Individualreisen

Ein Bild zu malen ist ganz ähnlich wie auf eine Reise zu gehen.
Ein Bild anzuschauen, ist wie einen Reisebericht zu hören.
Wo fängt Anita an ?
Anita beginnt ihre Bildreisen meist mit einem konkreten
Motiv. Und endet dann ganz woanders. Dies ist nicht weiter schlimm,
denn Anita ist eine Individualreisende.
Eine richtige Entdeckerin.
Keine Pauschalreisenentdeckerin, die sich ein Ergebnis in einem
Kunstkatalog sucht, einen Stil, bei dem sie auf Gedeih und Verderben ankommen
will. Keine dieser Club Robinson Malerinnen.
Ihre Gebiete sind touristisch
nämlich noch gar nicht erschlossen.
Richtige Entdecker brauchen nicht mehr als eine vage Idee,
eine grobe Richtung, und bei richtigen Entdeckern macht
es auch nichts aus, wenn sie sich versehentlich verfahren,
und statt Indien Amerika entdecken.
Wer denkt, dass der Vergleich mit der Seefahrt teilweise hinkt hat
natürlich recht. Denn Malerei ist um ein vielfaches härter.
Sie ist der Seefahrt an Komplexität weit überlegen.
Beim Malen erschafft man sich seine Reiseroute selbst,
während man sie betrachtet, sie liest und sie einem den
nächsten Pinselstrich vorgibt. Dies ist reiner Prozess,
für viele Maler ein idealer Zustand.
Beschrieben als: "der Pinsel macht den nächsten Strich"
oder "erst wenn er nicht mehr weiss, was er tut, tut der
Maler Gutes."
Malerei kann wie eine Last auf einem Künstler liegen,
getarnt als ein Bündel aus Ansprüchen, Erwartungen,
und komplizierten Kunsttheoretischen Konzepten.
Das ist der harte Teil, der den eigentlichen Prozess,
oft gerade in einem akademischen Umfeld ersticken kann.
Und obwohl Anitas Malerei in eben so einem Umfeld entsteht,
zeigt sie dass Malerei auch sehr einfach, klar und entschieden
anmuten kann.
In Anitas abstrakten Bildern ist der Prozess das Ergebnis.
Sie spiegeln nicht mehr als sich selbst wieder.

Wo hört Anita auf ?
Der Punkt an dem der Entdecker seine Reise für beendet erklärt
ist entscheidend dafür, wie er sich später an sie erinnern
wird. Anita legt ihren Pinsel mit grosser Entschiedenheit aus
der Hand. Ich glaube, dass Anita dabei den Augenblick der
grösstmöglichen eigenen Überraschtheit wählt, überrascht
davon wie überrascht man eigentlich sein kann.
Was die überraschende Wirkung ihrer Arbeiten angeht, so fällt
mir die alte Theorie der "blöden Frage" ein, die sich jeder
Schüler ins Hausaufgabenheft des Lebens schreiben sollte:
Wenn du's nicht kapiert hast, stell die Frage trotzdem, auch
wenn du dir blöd vorkommst, denn es gibt immer noch mindestens
einen der es auch nicht kapiert hat.
Blindlings auf Malerei übertragen würde dies bedeuten, dass man
hört man im Augenblick grösstmöglicher eigener Überraschung auf
zu malen, davon ausgehen kann, dass es noch mindestens eine
Person gibt, die von dem Ergebnis mindestens so überrascht ist,
wie man selbst.

Jeder der schon mal von einer Reise erzählt hat, weiss,
dass man dem Zuhörer immer nur die Spitze des Eisbergs
zeigen kann. So hinterlassen Anitas Bilder eine Ahnung davon,
was die Welt noch an Abenteuern bereit halten kann.

Philipp Seis